In Liesing, im Süden Wiens, wird auf einer Fläche, die so groß ist wie der Wiener Stadtpark, eine beeindruckende Produktionsstätte für Militärfahrzeuge betrieben. Diese Anlage gehört zu einem Jointventure zwischen Rheinmetall und MAN, unter dem Namen Rheinmetall MAN Military Vehicles (RMMV). Hier entstehen gepanzerte Militär-Trucks, die in über 50 Ländern verkauft werden – eine wahre Hochburg der Rüstungsproduktion, würde man sagen. Und das ist kein Zufall. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 sind die Auftragsbücher bis zum Rand gefüllt. Ein neuer Großauftrag über 60 Millionen Euro steht kurz vor dem Abschluss, und 56 Militärtrucks sollen bis nächstes Jahr an die Deutsche Bundeswehr geliefert werden. Das Werk hat in den letzten Jahren rund 50 Millionen Euro in die Kapazitätserweiterung und Modernisierung investiert, und die Zahlen sprechen für sich: Die jährliche Produktionskapazität liegt bei 4000 bis 4500 Fahrzeugen.

Täglich verlassen zwischen 11 und 15 Lkw die Hallen in Wien, wo rund 1500 Beschäftigte, plus mehr als 90 Lehrlinge, hart arbeiten. RMMV-Chef Christoph Müller hebt hervor, dass es sich um eine einzigartige Produktionsstätte für militärische Lkw in ganz Europa und den USA handelt. Bis Ende 2023 sollen insgesamt 10.000 Fahrzeuge an die Bundeswehr ausgeliefert werden, und Österreich hat bereits einen Rahmenvertrag über 885 Fahrzeuge mit RMMV geschlossen. Das Werk wird im August für zwei Wochen stillstehen – eine Maßnahme, die mit den Zulieferern koordiniert ist. Apropos Zulieferer: Rund 650 heimische Betriebe haben durch Aufträge von RMMV mehr als 300 Millionen Euro umgesetzt.

Wirtschaftliche Dimensionen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind enorm. Für 2025 wird ein Umsatz von 1,5 Milliarden Euro prognostiziert, ein gewaltiger Anstieg im Vergleich zu 400 Millionen Euro vor einigen Jahren. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hat bereits Pläne angekündigt, Exportkontrollen zu lockern und das Sicherheitsexportgesetz zu beschleunigen. Ein Schritt, der angesichts der aktuellen geopolitischen Lage mehr als sinnvoll erscheint. Müller betont jedoch, dass die derzeitigen Beschränkungen für die heimische Verteidigungsindustrie bislang kein großes Problem darstellen. Im Gegenteil: Das Unternehmen profitiert stark vom Aufrüstungsboom. Ein Ende ist momentan nicht in Sicht.

Das Werk in Wien ist nicht nur ein Hauptkompetenzzentrum für geschützte und ungeschützte logistische Fahrzeuge, sondern auch ein Ort der Innovation. Hier erfolgt die Entwicklung und Produktion der hochmobilen Lkw, insbesondere der HX-Fahrzeugfamilie. Diese Fahrzeuge sind nicht nur robust, sondern auch für Einsätze im Inland und in niederschwelligen Gefahrenlagen konzipiert. Ein besonderer Fokus liegt auch auf der Anpassung von Zivilfahrzeugen für Spezialanwendungen – eine spannende Herausforderung für die Ingenieure vor Ort. Dank Tochtergesellschaften in Großbritannien und Australien wird die internationale Präsenz gestärkt, was für die Kundenbindung entscheidend ist.

Der Kontext der Rüstungsindustrie

Die deutsche Rüstungsindustrie, zu der auch Rheinmetall gehört, ist stark konzentriert und wird von wenigen großen Konzernen dominiert. Wichtige Akteure sind Airbus Defence & Space, Krauss-Maffei Wegmann und Thyssenkrupp Marine Systems, um nur einige zu nennen. Im Jahr 2020 wurden Rüstungsgüter im Wert von etwa 11,3 Milliarden Euro produziert. Ein beachtlicher Teil davon entfiel auf landgebundene Kampffahrzeuge, zu denen die Militär-Trucks aus Wien zählen. Deutschlands Verteidigungsetat wurde nun erhöht, mit zusätzlichen 100 Milliarden Euro Sondervermögen bis 2027. Dieser Aufschwung wird von einem zunehmenden internationalen Interesse an Verteidigungsgütern begleitet, da NATO-Staaten ihre Budgets erhöhen und europäische Gemeinschaftsprojekte forciert werden.

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Die Branche erlebt einen historischen Aufschwung, doch es gibt Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich der Produktionskapazitäten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiterentwickelt, denn die Nachfrage nach militärischen Gütern und die Notwendigkeit, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken, sind ungebrochen. In Liesing wird also nicht nur produziert – hier wird Geschichte geschrieben. Ein Ort, an dem die Zukunft der europäischen Rüstungsindustrie Gestalt annimmt.

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