In den malerischen Bergen Osttirols, genauer gesagt in Lienz, wird die Kunst von Albin Egger-Lienz lebendig. Ein Mann, der zwischen 1868 und 1926 lebte und sich mit einer außergewöhnlichen Schaffenskraft um die Darstellung des menschlichen Lebens kümmerte. Im Jahr 1911 informierte er den Kunsthistoriker Heinrich Hammer über sein ehrgeiziges Projekt „Das Leben“, welches die verschiedenen Lebensphasen einer bäuerlichen Familie zeigen sollte. Egger-Lienz bezeichnete dieses Werk als sein „Lebenswerk“ – und das mit gutem Grund. Er wollte damit ein zeitloses Abbild schaffen, unabhängig von den ständigen gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit.

Sein Gemälde „Die Lebensalter“ markiert das Ende seiner „monumental-dekorativen Periode“ und bietet einen tiefen Einblick in das Leben der Tiroler Bauernfamilien. Im Mittelpunkt steht ein Mann und seine schwangere Frau, symbolisch durch Eheringe verbunden. Doch die Welt war im Umbruch – nach dem Ersten Weltkrieg war die ländliche Großfamilie, wie sie Egger-Lienz dargestellt hatte, nicht mehr existent. An deren Stelle trat eine neue, bedrückendere Realität: Christus am Kreuz, der in der Bauernstube die Rolle des Mannes übernimmt.

Das späte Werk: Die „Pietà“

In dieser Zeit der Veränderung malte Egger-Lienz 1926 die „Pietà“. Ein Bild, das in seiner kargen Bauernstube drei Frauen zeigt, die still um den Körper eines verstorbenen Mannes trauern. Hier spürt man förmlich die stille Andacht, die über dem Werk schwebt. Die Gesichter der Protagonisten sind starr, doch sie offenbaren einen tiefen Glauben an das Jenseits. Dieses letzte Monumentalgemälde, das erst nach dem Tod des Künstlers öffentlich gezeigt wurde, lässt alle dramatischen Elemente außen vor. Es ist eine stille Betrachtung, die uns in einen Zustand der „außerweltlichen Insichgekehrtheit“ versetzt. Diese ungewöhnliche, fast meditative Stimmung wird durch die neuartigen Techniken der Modellierung und Perspektive verstärkt, die Egger-Lienz hier anwendet.

Besonders auffällig ist die Anordnung der Figuren im Bild, die einem strengen symmetrischen Prinzip folgt, abgesehen von einer leer gebliebenen Ecke unten links – ein kleines, aber wirksames Detail. Der Guckkastencharakter wird durch die Perspektive der Tischplatte und die Bodenfläche im Hintergrund betont. Man hat fast das Gefühl, selbst Teil dieser traurigen Szene zu sein. Und das Motiv, so könnte man annehmen, könnte eine Anspielung auf die Beweinung Christi von Andrea Mantegna sein – ein Hinweis auf die tiefen künstlerischen Wurzeln, die Egger-Lienz durch seine Werke zieht.

Künstlerische Entwicklung und Einflüsse

Albin Egger-Lienz war ein Kind der Natur, geboren in Stribach bei Lienz, und seine Kunst war immer mit den ländlichen Traditionen und dem Leben in den Bergen verwoben. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und wurde für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten bereits zu Lebzeiten mit Medaillen ausgezeichnet. Seine Werke, wie „Der Totentanz von Anno Neun“ oder „Christi Auferstehung“, zeigen die Entwicklung von Historienmalerei hin zu einem impressionistischen Realismus, der in seiner Spätphase ein besonderes Augenmerk auf die Themen Vergänglichkeit, Leben und Leid legt.

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Die Einflüsse anderer Künstler, etwa Wilhelm Trübner und Andrea Mantegna, sind in Egger-Lienz‘ Arbeiten unverkennbar. Doch trotz dieser Inspirationen bleibt seine eigene Handschrift immer deutlich sichtbar. Seine Bilder transportieren eine Art von Ehrfurcht vor dem Leben und dem Tod, die auch heute noch berührt. Nach seinem Tod wurde sein Werk teils als konservativ oder gar faschistisch eingeordnet, was die Rezeption seiner Kunst komplizierter machte. Die vollständige Wertschätzung seiner Werke erhielt er erst in späteren Jahren, etwa durch eine umfassende Ausstellung im Leopold Museum 2008, die neue, differenzierte Interpretationen seiner Kunst ermöglichte.

So wandelt man heute durch die Straßen von Lienz, wo Plätze und Straßen nach ihm benannt sind, und denkt an einen Künstler, der die menschlichen Emotionen in seiner Kunst festhielt, als wären sie das kostbarste Gut in einer sich schnell verändernden Welt.

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