In Bad Aussee, wo die Berge die Wolken fast berühren und die Luft nach frischen Kräutern riecht, gibt es eine Geschichte, die nach 87 Jahren endlich zu einem emotionalen Ende kommt. Eine Amphore, die einst der jüdischen Familie Feuerstein gehörte, wurde an die Enkelin von Emanuel Goldberg, der sich 1929 in Feuerstein umbenannte, zurückgegeben. Diese Amphore ist nicht einfach nur ein Krug, sondern ein Symbol für das jüdische Leben, das hier in der Region einmal blühte.

Die Familie Feuerstein war ein fester Bestandteil der Gemeinschaft, und ihr koscheres Restaurant sowie die Pension in Bad Aussee waren nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für Reisende ein beliebter Ort. Als 1939 die Bedrohungen durch die Nazis zunehmen, waren sie auf die Hilfe der Familie Pucher angewiesen, die ihnen Lebensmittel brachte, als sie ihr Zuhause nicht mehr verlassen konnten. Hans Pucher, der damals ein Kind war, erinnerte sich lebhaft daran, wie er mit dem Fahrrad zu den Feuersteins radelte. Tragischerweise planten die Feuersteins eine Flucht, doch ihr Schicksal sollte anders verlaufen. Die Amphore, die sie zur Aufbewahrung bei Puchers Großeltern hinterließen, wurde zum letzten greifbaren Zeugnis ihrer Existenz.

Die Rückkehr der Amphore

Die Geschichte der Familie Feuerstein wurde 2017 von Leopold Walkner in seiner Dissertation beleuchtet. Die Nachforschungen führten Stefan Pucher schließlich zu Iris Aronson, die in Chicago lebt und die Enkelin von Emanuel Feuerstein ist. Zuerst war Aronson skeptisch, als Pucher sie per E-Mail kontaktierte. Doch nach einem regen Austausch – unterstützt vom Nationalfonds – wurde das Band zwischen den beiden stärker. Pucher entschloss sich, die Amphore nach Chicago zu bringen, und transportierte sie im Handgepäck, begleitet von einem Talmud, den er ebenfalls entdeckt hatte. Gemeinsam mit seinem Freund Hermann Schröttenhamer machte er sich auf den Weg. Der Wert der Amphore wird auf etwa 100 Euro geschätzt, was jedoch kein öffentliches Interesse weckte. Für Pucher war der emotionale Wert unermesslich.

Das Treffen in Chicago war dann ein ganz besonderes Erlebnis. Iris und Stefan tauschten nicht nur Geschichten, sondern auch Erinnerungen und Fotos. Die Verbindung zwischen ihnen war spürbar, und Pucher lud Aronson ein, Bad Aussee zu besuchen – eine Einladung, die sicherlich die Wurzeln der Familie Feuerstein wieder lebendig werden lässt.

Ein Blick in die jüdische Geschichte Österreichs

Diese Geschichte ist Teil eines größeren Erbes. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebten in Österreich nur noch zwischen 2000 und 5000 Juden. Viele von ihnen hatten den Krieg in Wien überlebt, oft in „geschützten Ehen“ oder als „U-Boote“ versteckt. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) wurde 1945 gegründet, um die zurückkehrenden Überlebenden zu unterstützen und das jüdische Leben in Österreich wieder aufzubauen. Es brauchte Zeit, aber die jüdischen Gemeinden in Städten wie Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck begannen, sich zu regenerieren.

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Erst in den 1980er Jahren erlebte das jüdische Leben in Wien eine Renaissance. Schulen und Gemeindezentren wurden gegründet, und die Zuwanderung jüdischstämmiger Personen aus der ehemaligen Sowjetunion begann. Doch die Schatten der Vergangenheit sind niemals ganz verschwunden. In den letzten Jahren hat der Antisemitismus in Österreich stark zugenommen. Ein Lichtermeer gegen diesen Hass fand erst kürzlich am Heldenplatz in Wien statt, und die IKG berichtet von einer dramatischen Steigerung antisemitischer Vorfälle.

Die Rückkehr der Amphore an Iris Aronson ist nicht nur ein Akt der Wiedergutmachung, sondern auch ein wichtiges Zeichen der Erinnerung an die jüdische Geschichte in Österreich. Es zeigt, dass trotz aller Widrigkeiten die Geschichten und das Erbe der jüdischen Gemeinschaft nicht in Vergessenheit geraten sind.