In Neunkirchen, wo die Luft noch von der Geschichte der letzten Kriegswochen durchzogen ist, hat der Autor Martin Prinz die dunklen Schatten der Vergangenheit in seinem Roman „Die letzten Tage“ aufgegriffen. Hier geht es um die sogenannten Endphaseverbrechen, die 1945 von nationalsozialistischen Funktionären im Semmeringgebiet begangen wurden. Diese Verbrechen – eine grausame Mischung aus Fanatismus und Verzweiflung – zeigen auf erschreckende Weise, wie der Wahnsinn des Krieges die Menschlichkeit aus den Augen verlor. Prinz hat sich akribisch mit den Gerichtsakten beschäftigt und diese in eine fesselnde Erzählung verwandelt, die den Leser tief berührt.
Die Handlung des Romans entfaltet sich in der Zeit, als die Rote Armee Anfang April 1945 Neunkirchen und Gloggnitz befreite. Zu diesem Zeitpunkt witterten die nationalsozialistischen Funktionäre, Volkssturm und Hitlerjugend das Ende ihrer Macht und flohen in die Berge. Sie hatten eine beunruhigende Taktik entwickelt, um vermeintlich „unzuverlässige“ Personen zu verhaften. Johann Braun, der Kreisleiter und eine der Hauptfiguren des Romans, führte diese Verhaftungswelle an, die am 5. April 1945 begann. Die Vorwürfe gegen die verhafteten Personen waren oft absurd – Mitgliedschaft in sozialistischen Organisationen oder einfach nur Antifaschismus – und einige bezahlten mit ihrem Leben.
Ein Blick auf die Protagonisten
Die Charaktere des Romans sind eindrücklich gezeichnet. Johann Braun, 49 Jahre alt und der Kreisleiter, hat nicht nur das Sagen, sondern trägt auch die Verantwortung für die brutalen Entscheidungen, die getroffen werden. Josef Weninger, ein 46-jähriger SA-Standartenführer, sieht sich selbst als Kämpfer für die „gute Sache“. Johann Wallner, der Bannführer der Hitlerjugend, und Roman Gosch, der Kreisorganisationsleiter der NSDAP, sind ebenfalls in diesen Strudel aus Macht und Verzweiflung verwickelt. Diese Männer, gefangen in ihrem eigenen Wahn, lassen die Menschlichkeit hinter sich und schrecken nicht davor zurück, Standgerichte einzusetzen, die nicht einmal den nationalsozialistischen Vorgaben entsprachen.
Die ersten Verhaftungen waren nur der Anfang. Am 23. April 1945 folgte eine zweite Welle, die 17 Personen erfasste und in einer Tragödie endete: 15 wurden ohne Prozess erschossen. Inmitten dieser Gräueltaten bleibt die Geschichte von Wenzel Hofmann, einem verhafteten Antifaschisten, der ermordet wurde, besonders eindringlich. Und Marie Landskorn, eine der Verhafteten, ist bis heute verschwunden – ihr Schicksal bleibt ein dunkles Kapitel in dieser Geschichte, da es bis heute keine Anklage gegen ihren Mörder gab.
Die Nachwirkungen
Nach dem Krieg wurden einige der Täter zur Rechenschaft gezogen. 1948 wurden Braun, Weninger und Wallner hingerichtet, während Gosch mit einer lebenslangen Haftstrafe davonkam und 1953 entlassen wurde. Gedenktafeln und Straßenbenennungen in der Region erinnern an die Opfer, doch das Gedächtnis der Gendarmeriechronik des Postens Schwarzau ist verschollen, und viele Täter lebten unbehelligt weiter. Diese Ungerechtigkeit schmerzt und gibt Anlass zum Nachdenken.
Die Endphaseverbrechen sind keine isolierten Vorfälle. Sie stehen in einem größeren Kontext, der sich durch die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs zieht. Die brutalsten Morde geschahen in dieser Zeit, als der Hass und die Angst vor dem Verlust der Macht die Menschen in den Abgrund trieben. Vom Mord an Franz Oppenhoff, dem neuen Oberbürgermeister von Aachen, bis hin zu den Standgerichten in verschiedenen Städten – die Liste der Verbrechen ist lang und erschreckend. Diese Taten waren nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland und anderswo an der Tagesordnung. Ein düsteres Bild einer Zeit, die uns lehrt, die Vergangenheit nicht zu vergessen.
Martin Prinz‘ Werk und die damit verbundene Aufarbeitung sind nicht nur wichtig für die Region Neunkirchen, sondern auch für uns alle, um die Schrecken der Geschichte zu verstehen und zu vermeiden, dass sich solch eine Dunkelheit wiederholt. „Die letzten Tage“ ist mehr als ein Roman; es ist ein Mahnmal, das uns daran erinnert, wie wichtig es ist, für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzustehen.