Inmitten der sanften Hügel von Völkermarkt, wo die Luft nach frischem Heu und der Duft von frühlingshaften Blumen die Sinne verführt, lebt Manuela Tomić. Sie ist eine dieser außergewöhnlichen Stimmen, die mit ihren Geschichten nicht nur unterhalten, sondern auch tief berühren. Am 20. Mai wird sie im Musilhaus Klagenfurt ihren ersten Roman „Franček“ präsentieren, ein Werk, das sich mit den düsteren Themen Krieg, Flucht und den familiären Traumata auseinandersetzt. In diesem Buch taucht ein „Fratz“ in ihrem Kopf auf – ein eigenwilliger Begleiter, der die Erinnerungen an ihre bosnische Familie und den Krieg zum Leben erweckt.

Interessanterweise kann sich Tomić nicht an ihre eigene Flucht erinnern. Sie war gerade mal vier Jahre alt, als ihre Familie 1992 aus Sarajevo floh. Man hatte nur einen kurzen Besuch beim „Gastarbeiter-Onkel“ in Kärnten geplant, doch zurückgekehrt ist die Familie nie. Aufgewachsen in Völkermarkt entwickelte sie eine große Liebe zur Sprache, die ihr als Werkzeug dient, um die Schrecken der Vergangenheit zu verarbeiten. Ihre Geschichte hat autobiografische Züge, die das Traumatische aufbrechen und die Leser auf eine emotionale Reise mitnehmen.

Die Schatten der Vergangenheit

Kriegsflüchtlinge – das ist ein Begriff, der nicht nur für die Vergangenheit steht. Die UNO-Flüchtlingshilfe erinnert uns an das Schicksal vieler Menschen in Bosnien-Herzegowina und der Ukraine. 1995 beendete der Friedensvertrag von Dayton den Bosnienkrieg, der bis dahin dreieinhalb Jahre dauerte. Ein Konflikt, der rund 2,7 Millionen Menschen zur Flucht zwang und die größte Vertreibung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zur Folge hatte. Tragische Ereignisse wie das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 bis zu 8.000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden, sind Teil dieser düsteren Geschichte.

Manuela Tomić greift diese Themen auf, um die Schatten der Vergangenheit sichtbar zu machen. Ihre Erlebnisse und die ihrer Familie sind nicht nur persönliche Geschichten, sondern spiegeln die Erfahrungen vieler wider. Eine Therapeutin erklärte einmal, dass Kinder Gefühle speichern, ohne sie wirklich zu verstehen. Diese unbewussten Erinnerungen können sich in einer lebhaften Fantasie äußern – ein Mechanismus, den auch Tomić in ihrer Arbeit nutzt.

Ein Weg der Aufarbeitung

Die Aufarbeitung der Kriegsjahre in Bosnien verläuft jedoch schleppend. Trotz Fortschritten wie Entschädigungsmechanismen für Überlebende bleibt das Thema tabu. Die erlebte Gewalt führt zu sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung, wodurch eine transgenerationale Traumaweitergabe entsteht. Diese unbewusste Weitergabe traumatischer Erfahrungen an nachfolgende Generationen ist ein Phänomen, das auch Tomić in ihren Texten thematisiert.

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In ihrer Karriere hat sie sich sowohl als Journalistin als auch als Hörspielautorin einen Namen gemacht. Ihre Kolumnen in der „Furche“ fanden 2024 den Weg in ihren ersten Erzählband „Zehnfingermärchen“. Auch als Hörspielautorin hat sie international Anerkennung gefunden. Ihr Langhörspiel „Blasse Stunden/Blijedi sati“, welches das Leben einer bosnischen Familie beleuchtet, wurde mit dem „Prix Europa“ und dem „Prix Italia“ ausgezeichnet. Das zeigt, dass die Kraft der Sprache nicht nur heilen, sondern auch zum Nachdenken anregen kann.

Die Herausforderungen sind groß, aber die Stimmen der Überlebenden und derer, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen, sind stark. In Bosnien gibt es zivilgesellschaftliche Initiativen, die gegen Stigmatisierung kämpfen und das Bewusstsein durch Workshops und Kampagnen fördern. Soziale Arbeit wird als wichtiges Werkzeug gesehen, um den Überlebenden zu helfen und ihnen wirtschaftliche sowie psychologische Unterstützung zu bieten. All das sind Themen, die Manuela Tomić in ihren Werken aufgreift und die vielleicht auch in ihrem neuen Roman eine Rolle spielen werden.