In den vergangenen Monaten hat sich die Situation in den österreichischen Justizanstalten dramatisch verschärft. Der am Mittwoch präsentierte Parlamentsbericht 2025 der drei Volksanwälte zeigt alarmierende Zahlen: 1.145 Beschwerden von Inhaftierten und Personal wurden registriert – ein Anstieg von 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders betroffen ist der Jugendstrafvollzug, wo die Anzahl der inhaftierten Jugendlichen von 125 im Jahr 2024 auf 182 Ende 2025 gestiegen ist, was einem Anstieg von 46 Prozent entspricht.
Die Haftbedingungen sind alles andere als rosig. In den Gefängnissen herrscht Überbelegung, und der Personalmangel ist gravierend. So musste in St. Pölten die Jugendabteilung aufgrund von Überfüllung schließen, was zur Unterbringung von vier Teenagern mit Erwachsenen führte. Auch in der Justizanstalt Wr. Neustadt waren im August 2025 fünf Jugendliche nicht in einer eigenen Abteilung untergebracht. Die neue Jugendhaftanstalt am Münnichplatz in Wien-Simmering ist bereits zu 114% ausgelastet, was bedeutet, dass statt der vorgesehenen 72 Plätze 82 Jugendliche untergebracht sind. Die empfohlene Ein- oder Zweipersonenbelegung sowie die Mindesthaftraumgröße sind nicht mehr gewährleistet, was das Gewaltrisiko erhöht.
Alarmierende Zahlen und fehlende Perspektiven
Die Situation wird durch die hohe Suizidrate in den Gefängnissen noch besorgniserregender. Bis Ende 2025 wurden 59 versuchte und acht tatsächliche Suizide gemeldet. Dies ist nicht nur ein Zeichen für die verzweifelte Lage der Inhaftierten, sondern auch ein Indiz für die unzureichende Betreuung in den Anstalten. Hans Wolff, ein Gefängnismediziner und Anti-Folterexperte, hat in seinen Berichten über die Misshandlungen in europäischen Gefängnissen gewarnt und festgestellt, dass psychisch kranke Gefangene oft unter schlechten hygienischen Bedingungen leiden und keine angemessene Betreuung erhalten.
Diese Problematik ist nicht auf Österreich beschränkt. Wolff, der über 100 europäische Haftanstalten besucht hat, bemängelt die Überbelegung und die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Inhaftierten. Er betont, dass Gefängnisse oft mehr schaden als nutzen und die Rückkehr zur Gesellschaft nicht verbessern. In vielen Fällen leiden Inhaftierte zehnmal häufiger an psychischen Erkrankungen als Nichtgefangene, und die Suizidraten sind in Gefängnissen deutlich höher.
Herausforderungen im Justizvollzug
Die Unterbringungssituation wird durch einen Mangel an Justizwachepersonal weiter verschärft. Für die neue Einrichtung am Münnichplatz sind 60 Planstellen im Exekutivdienst geplant, doch derzeit sind nur 43 Personen verfügbar, darunter zehn Dienstzuteilungen ohne Vorkenntnisse. Dies führt zu wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und hohen Einschlusszeiten für die Jugendlichen, die trotz neuer Sport- und Bewegungsmöglichkeiten im Innenhof oft nicht genutzt werden können.
Positiv hervorzuheben sind jedoch der Schulbetrieb und die medizinische Versorgung am Münnichplatz: Zwei Klassen mit drei Lehrkräften und zwei Personen für psychiatrische Versorgung sowie drei Krankenpfleger sind im Einsatz. Diese Angebote sind unerlässlich, um den Jugendlichen eine Perspektive zu bieten und ihre Reintegration zu fördern.
Die gegenwärtige Lage in den österreichischen Justizanstalten wirft ein Schlaglicht auf das dringende Bedürfnis nach Reformen im Strafvollzug. Nur durch gezielte Maßnahmen und die Verbesserung der Haftbedingungen kann eine menschenwürdige Versorgung der Inhaftierten gewährleistet werden. Die steigenden Zahlen von Beschwerden und Suiziden sollten als Weckruf verstanden werden, um die fundamentalen Probleme im Justizsystem anzugehen und eine nachhaltige Veränderung zu bewirken.