Ein Blick auf die Puchstraße in Graz und man wird von den imposanten Silos des ehemaligen Taggerwerks förmlich überwältigt. Diese bis zu 40 Meter hohen Türme sind nicht nur Relikte einer anderen Zeit, sie sind auch Leinwände für internationale Street-Art-Künstler, die mit großformatigen Bildern frisches Leben in die graue Industriegeschichte bringen. Hier, auf dem 3,2 Hektar großen Gelände, vermischen sich alte Firmenlogos und leer stehende Gebäude mit kreativen Projekten, die das Areal in ein pulsierendes Zentrum verwandeln.
Christian Kossegg, der 2009 maßgeblich an der Übernahme dieses brachliegenden Geländes beteiligt war, hat mit seiner BAR Vermögensverwaltungs GmbH die Verantwortung für die Umgestaltung übernommen. Zuvor war das Areal mit Tonnen von Futtermitteln belastet und von Ratten bewohnt – eine denkbar schlechte Visitenkarte. Doch mittlerweile wurden bereits 14.000 Quadratmeter gestaltet und vermietet. Der Keiperverlag war 2010 der erste Mieter und schuf mit alten Holzbalken eine fünf Meter hohe Bücherwand, die ebenso beeindruckend wie einladend wirkt.
Ein kulturelles Zentrum im Entstehen
Seit 2015 vergibt das Kulturamt der Stadt Graz 16 Künstlerateliers auf dem Taggerareal. Das ist nicht nur ein Gewinn für die Kreativen, sondern auch für die Stadt selbst, die sich durch solche Initiativen zu einem kulturellen Hotspot entwickeln kann. Sportlich geht es in der Puchstraße ebenfalls zur Sache: Bouldern im BLOC house, Squash bei Heroes Squash, und Fitnessstudios wie Ultimate Gym und CrossFit Graz ziehen viele Sportbegeisterte an. Und das ist noch nicht alles – ein Zirkuszentrum, das Ende 2025 eröffnet werden soll, wird das Angebot weiter bereichern. Pläne für ein Studentenwohnheim und eine kleine Eisfläche sind in der Diskussion, auch wenn sie noch nicht konkretisiert sind.
Kossegg hat noch mehr Visionen. Unter anderem plant er ein Wasserkraftwerk am Mühlgang, um das Gelände in die Richtung Energieautarkie zu lenken. Ein zukunftsweisendes Projekt, denn die Fassade eines Futtersilos wurde kürzlich im Rahmen eines EU-Projekts so umgerüstet, dass sie mehr Energie erzeugt als sie verbraucht. Diese Synergie aus Kunst und Technik ist nicht nur innovativ, sondern auch ein Zeichen für den Wandel, den alte Industriegebäude durchleben können.
Die Zukunft der Silos
Hier kommen auch die Ziele des Vereins Silosophie ins Spiel. Diese Gruppe, bestehend aus einem interdisziplinären Team, hat sich die Umwandlung von alten Silotürmen in „Wahrzeichen der Zukunft“ auf die Fahnen geschrieben. Ihre Maßnahmen beinhalten die Ausstattung der Silos mit Photovoltaikflächen sowie die schon erwähnte Street-Art-Bemalung. Initiatoren wie Lucas Silhanek und Armin Knöbl haben bereits erste Erfolge vorzuweisen und erhielten sogar den Businessart-Sonderpreis beim ÖGUT-Umweltpreis. Wie cool ist das denn?
Die Idee, alte Silos in nachhaltige Energiequellen zu verwandeln, zieht sich durch ganz Österreich. Rund 330 Getreidesilos gibt es im Osten des Landes, wovon etwa 10% nicht mehr genutzt werden. Hier schlummert ein enormes Potenzial zur Neugestaltung. Ein Beispiel ist ein 45 Meter hoher Turm in Engelhartstetten, der 45.000 kWh erzeugen kann – genug für zwölf Eigenheime! Das macht deutlich, dass die Umnutzung von Industrieflächen nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist.
Neue Lebensräume schaffen
Verlassene Fabrikhallen und Altindustriebauten bieten unschätzbare Chancen für innovative Wohn-, Kultur- und Gemeinschaftsräume. Die Umnutzung solcher Gebäude hat zahlreiche Vorteile: Sie schont Ressourcen, minimiert Abfall und Emissionen und bewahrt zudem die historische Bausubstanz. Man könnte fast sagen, dass diese alten Mauern Geschichten erzählen, die durch kreative Konzepte neu belebt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Argo Factory in Teheran, wo eine ehemalige Brauerei zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde.
Natürlich gibt es auch Herausforderungen bei der Umnutzung. Der bauliche Zustand, spezielle Nutzungsvorschriften und die technische Anpassung an moderne Ansprüche können kompliziert sein. Doch durch interdisziplinäre Planung und partizipative Entwicklung können diese Hürden gemeistert werden. Die Kombination aus Tradition und Innovation, die hier entsteht, schafft nicht nur neue Lebensräume, sondern auch ein lebendiges Stadtbild, das sowohl Alt als auch Neu miteinander vereint.