In Graz wird Geschichte geschrieben: Barbara Sima-Ruml wird die erste Gemeinderätin in der steirischen Hauptstadt, die im Rollstuhl sitzt. Ihre Angelobung steht für Mitte August an und sie kandidiert für die Grünen auf dem vielversprechenden Listenplatz vier. Damit hat sie den Einzug in den Gemeinderat bereits in der Tasche. Ein bemerkenswerter Schritt in eine inklusive Zukunft, doch es gibt noch Herausforderungen zu meistern.
Die Situation für Rollstuhlfahrer im Grazer Gemeinderat ist alles andere als optimal. Obwohl der Sitzungssaal 2021/22 für stolze 2,2 Millionen Euro saniert wurde, bleibt er nicht vollständig barrierefrei. Während es immerhin eine Rampe zum Rednerpult und automatische Türöffner gibt, fehlt es an einem Platz für Rollstuhlfahrer im Saal. Diese Mängel sind im Büro von Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) bekannt, und eine Begehung mit dem ehemaligen Bauleiter hat kürzlich stattgefunden. Es gibt die Möglichkeit, einen Lift oder eine Hebebühne am Eingang zu installieren, jedoch würde dies bedeuten, dass Sima-Ruml hinter der letzten Reihe sitzen müsste – eine Lösung, die sie als unzureichend empfindet.
Der Kampf um Barrierefreiheit
Die Suche nach einer praktikablen Lösung gestaltet sich schwierig. Eine alternative Möglichkeit, einen Platz für Sima-Ruml links vom Eingang zu schaffen, würde sie von anderen Mandataren trennen. Ihre Präferenz liegt klar auf einem Platz in der ersten Reihe, der ebenerdig erreichbar ist – auch wenn dieser möglicherweise nicht offiziell als barrierefrei gilt. Bürgermeisterin Kahr verweist dabei auf die Denkmalschutzauflagen, die beim Umbau berücksichtigt werden müssen. Sima-Ruml, die als studierte Architektin über umfassende Erfahrung im Bereich des barrierefreien Bauens verfügt, steht dem Prozess mit viel Engagement gegenüber.
Die Herausforderung der Barrierefreiheit ist ein weitreichendes Thema, das nicht nur den Grazer Gemeinderat betrifft. Auch im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gibt es dringenden Handlungsbedarf. Trotz gesetzlicher Vorgaben, wonach der ÖPNV bis zum 1. Januar 2022 barrierefrei sein sollte, wurden die Zielvorgaben bislang nicht erreicht. Besonders Menschen mit geistiger Behinderung haben oft Schwierigkeiten, barrierefreie Angebote im ÖPNV sowie On-Demand-Mobilitätsangebote zu nutzen. Die Bundesregierung plant zwar, die Ausnahmemöglichkeiten bis 2026 abzuschaffen, doch die Realität sieht momentan anders aus.
Ein Blick in die Zukunft
Die Situation im Grazer Gemeinderat und im öffentlichen Verkehr ist ein Spiegelbild der Herausforderungen, denen sich viele Menschen mit Behinderungen in Österreich gegenübersehen. Der Abbau von Barrieren muss vorangetrieben werden, um allen Menschen eine selbstbestimmte Mobilität zu ermöglichen. Während Sima-Ruml also bald ihre Stimme im Gemeinderat erheben wird, bleibt zu hoffen, dass sich die Rahmenbedingungen für alle Betroffenen verbessern und die Diskussion um Barrierefreiheit nicht nur ein politisches Thema bleibt, sondern in der Gesellschaft breiten Raum findet.