Am 10. Mai 2023 wurde in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen ein bedeutendes Gedenken vollzogen. Rund 13.000 Menschen aus aller Welt fanden sich zusammen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Darunter war auch der beeindruckende 106-jährige Überlebende Willy Mernyi aus Gusen. Aber nicht nur die Generation der Überlebenden war vertreten. Auch viele Jugendliche aus der Urenkelgeneration von Opfern und Tätern waren vor Ort, ein Zeichen, dass die Erinnerung weitergetragen wird.
Willy Mernyi, der Vorsitzende des Mauthausen Komitees Österreich, nutzte die Gelegenheit, um eindringlich auf die Notwendigkeit von Wachsamkeit hinzuweisen. Rassismus, Rechtsextremismus, Sexismus und Antisemitismus – all diese Überbleibsel aus einer dunklen Vergangenheit sind auch heute noch präsent. Die 81. Wiederkehr der Befreiung stellte dabei die Täter in den Fokus und regte an, darüber nachzudenken, wie „normale Menschen“ zu Tätern werden konnten. Bischof Manfred Scheuer und Guy Dockendorf thematisierten in ihren Reden die Verantwortung, die jeder Einzelne hat – und das ist ein Appell, der uns alle betrifft.
Die düstere Geschichte von Mauthausen
Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen beginnt im März 1938, als die SS mit dem Bau des Lagers begann. Rund 200.000 Menschen aus über 40 Nationen wurden bis zur Befreiung im Mai 1945 in diesem grausamen Ort interniert. Politisch Verfolgte, Kriegsgefangene, Juden – sie alle erlitten unfassbares Leid. Etwa die Hälfte dieser Menschen überlebte die unmenschlichen Bedingungen nicht. Die Sterberate unter jüdischen Häftlingen lag erschütternd hoch, bei über 95 Prozent. Das ist eine Zahl, die einem den Atem raubt.
Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit in Granitsteinbrüchen leisten, die von der SS-eigenen Firma „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ betrieben wurden. Ab 1943 wurden sie auch in der regionalen Rüstungsindustrie eingesetzt. Unter den Häftlingen war die größte nationale Gruppe die der Polen, über 50.000 von ihnen wurden nach Mauthausen verschleppt. Was für ein erschreckendes Bild – Menschen in einem System, das sie als wertlos betrachtete, während ihre Lebensgeschichten und ihre Menschlichkeit brutal ausgelöscht wurden.
Erinnerung und Verantwortung
Nach dem Krieg wurde die Gedenkstätte 1949 eröffnet. Ein Museum mit einer Dauerausstellung folgte 1970 und ist bis heute ein Ort des Gedenkens und der Bildung. Hier wird nicht nur die Geschichte erzählt, sondern auch ein Bewusstsein für die gegenwärtigen Herausforderungen geschaffen. Sabine Schatz, die SPÖ-Sprecherin für Erinnerungskultur, legt den Finger in die Wunde, wenn sie die Rolle der NS-Propaganda bei der Entmenschlichung der Opfer anspricht. Ihr Appell für eine moderne Erinnerungs- und Bildungskultur ist aktueller denn je – gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus und Rechtsextremismus wieder auf dem Vormarsch sind.
Das Gedenken an die Schrecken des Holocausts ist wichtig, aber es ist auch ein Aufruf zur aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Gesellschaft muss sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, um die Fehler nicht zu wiederholen. Innovative Ansätze, wie virtuelle Zeitzeugen und der Fokus auf materielle Zeugnisse, bieten neue Wege, das Gedenken lebendig zu halten. Die Herausforderung besteht darin, die Erinnerung an die Opfer und die Verantwortung der Täter wach zu halten, ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren.
Am 5. Mai 1945 befreite die US-Armee das Lager Mauthausen. Aber die Gespräche über Schuld und Verantwortung dauern bis heute an. Verdrängung und Wegschauen waren bis in die 1980er Jahre weit verbreitet. Nur 506 SS-Angehörige wurden später vor Gericht gestellt, von denen 498 verurteilt wurden. Das lässt einen nachdenklich zurück. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist oft schmerzhaft, aber unerlässlich.
Heute, am 11. Mai 2026, gibt es noch immer viel zu tun. Das Gedenken darf nicht zur Routine werden. Es muss lebendig bleiben, für die Zukunft, für die kommenden Generationen. Denn das große Böse fällt nicht vom Himmel – es entsteht in den Köpfen der Menschen. Und genau hier müssen wir ansetzen, um die Lehren der Geschichte zu bewahren und eine bessere Zukunft zu gestalten.