Ein lauer Abend in Mödling, und die Atmosphäre ist erfüllt von einer ganz besonderen Art der Vorfreude. Die Waisenhauskirche, ein historisches Juwel der Stadt, öffnete ihre Türen im Rahmen der „Langen Nacht der Kirchen“. Über 1.700 Kirchen in ganz Österreich läuteten gleichzeitig ihre Glocken für zehn Minuten – ein beeindruckendes Klangspiel, das den Himmel über Mödling erfüllte. Die Glocke der Waisenhauskirche war dabei natürlich auch mit von der Partie.

Doch das war noch nicht alles. Im Waisenhausarchiv fand ein Vortrag zur Geschichte der Kirche statt, der nicht nur die Ohren, sondern auch die Herzen der Besucher erreichte. Walter Jirka, der Waisenhausarchivar, führte durch die Jahrtausende alte Geschichte des Standorts, während Milan Jelić, der Organisator, und Erzpriester Sladan Vasić aufmerksam lauschten. Klaus Pollheimer war ebenfalls mit von der Partie. Die Teilnehmer waren sichtlich überrascht und begeistert von den Ereignissen der letzten 2.000 Jahre, die Jirka lebendig schilderte. Es ist schon erstaunlich, wie viel Geschichte in diesen Mauern steckt und wie viele Geschichten sie erzählen könnten.

Ein Blick in die Vergangenheit

Die Waisenhauskirche ist mehr als nur ein Gebäude; sie ist ein Teil der Mödlinger Identität. Die erste christliche Siedlung Medilihha entstand bereits im 9. Jahrhundert mit der St. Martinskirche. Diese hatte vermutlich die Funktion einer Pfarrkirche, wurde jedoch nach Zerstörungen durch die Magyaren neu errichtet. Interessanterweise blieb die Martinskirche bis 1454 Pfarrkirche, bevor die Funktion an die Kirche St. Othmar überging. Leider musste die Martinskirche 1787 wegen Baufälligkeit abgerissen werden, der Friedhof bestand jedoch bis 1876 weiter.

Die Gründung des Waisenhauses im Jahr 1885 durch Josef Schöffel, der auf dem ehemaligen Friedhofsareal einen neuen Ort der Hoffnung und Bildung schaffen wollte, stellte einen Wendepunkt dar. Gemeinsam mit Dr. Josef Hyrtl gründete er den „Verein zur Gründung und Erhaltung eines Waisenhauses“. Der Architekt Eugen Sehnal, ein Schüler von Heinrich Ferstel, entwarf ein Gebäude, das durch seinen romanischen Stil und den traditionellen, einschiffigen Sichtziegelbau besticht. 1886 wurde die Kirche feierlich geweiht und Hl. Josef zum Kirchenpatron ernannt.

Ein Ort der Bildung und Gemeinschaft

Das Waisenhaus selbst war ein Vorreiter in der pädagogischen Landschaft, ausgestattet mit Schulen, Werkstätten, einem Schwimmbad und sogar einer Gartenanlage. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte es seinen Höchststand mit 712 Zöglingen. Ein Ort, der nicht nur ein Dach über dem Kopf bot, sondern auch Zukunftsperspektiven eröffnete. Die Gebäude des Waisenhauses wurden in Neorenaissanceformen gestaltet, während die Kirche mit ihrem 37,5 Meter hohen Turm und den vier Sandsteinfiguren von Heiligen, darunter St. Pantaleon und St. Martin, die Stifter repräsentiert, ein eindrucksvolles Bild abgibt.

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Heute hat die Waisenhauskirche eine neue Bestimmung gefunden – seit 2021 gehört sie zur Serbisch-Orthodoxen Gemeinde Hl. Nikolaus von Myra. Die Geschichte dieses Ortes ist jedoch noch lange nicht zu Ende erzählt. Sie lebt weiter in den Herzen der Menschen, die hier zusammenkommen, um sich auszutauschen, zu beten und die Gemeinschaft zu feiern. Die Waisenhauskirche bleibt ein Ort, der die Vergangenheit ehrt und gleichzeitig in die Zukunft weist.

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