In der kleinen, beschaulichen Gemeinde Pottendorf, die etwa 8000 Einwohner zählt und ganz in der Nähe zur Burgenlandgrenze liegt, gibt es zurzeit ein Thema, das die Gemüter erhitzt. Es wird gemunkelt und geflüstert, während die älteren Angehörigen am Friedhof die Gräber ihrer Liebsten pflegen. Grabräuber sind aktiv – und das seit mehr als einem Jahr. Diese ungebetenen Gäste haben es auf die Ruhestätten abgesehen und scheuen sich nicht, die Gräber gewaltsam zu öffnen. Es ist schon erschreckend, was sich in einem Land wie Österreich abspielt.
Seit April des Vorjahres wurden bereits 180 Gräber und Gruften auf 18 Friedhöfen in Niederösterreich aufgebrochen. Betroffene Gemeinden sind unter anderem Wampersdorf, Spitz, Weigelsdorf, Götzendorf an der Leitha und Ebenfurth. Besonders alarmierend ist die Situation in Pottendorf, wo gleich 12 Gräber betroffen sind. Täter schieben schwere Steinplatten zur Seite und schneiden Löcher in die Särge. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen, doch bislang gibt es keine identifizierten Täter. Es wird vermutet, dass sie es auf Schmuckstücke und goldene Zähne abgesehen haben.
Die Suche nach dem verborgenen Gold
Erschreckend ist dabei der Wert, den das Zahngold hat. Der Goldanteil kann bis zu 90% betragen, und der Wert eines einzelnen Stücks Zahngold liegt zwischen 220 und 320 Euro. Umso verständlicher ist es, dass die Betroffenen, die um ihre verstorbenen Angehörigen trauern, von diesen Vorfällen stark betroffen sind. Steinmetz Thomas Leitner hat sich bereits solidarisch gezeigt und ein betroffenes Grab kostenlos versiegelt. Bestatterin stehen bereit, um betroffene Familien über ihre Optionen zu beraten – wie Grabversiegelung, Särge bergen, kremieren oder umbetten. Es ist ein schmerzhafter Prozess.
Die Polizei hat zwar Hinweise auf mehrere Täter, doch die Sicherheitsvorkehrungen sind alles andere als einfach. In Niederösterreich gibt es rund 600 Friedhöfe, was es den Ermittlern nicht leicht macht. Der Aufruf an die Bevölkerung, verdächtiges Verhalten zu melden, wird immer lauter. Die Nachbarn sind alarmiert, und die Atmosphäre ist angespannt. In Korneuburg wurden über 40 geöffnete Gräber und in Großweikersdorf sogar 50 gefunden. Der Friedhof wird zum Schauplatz eines Verbrechens, das man sich kaum vorstellen kann.
Ein größerer Trend?
Doch diese Vorfälle sind nicht nur auf Pottendorf und Umgebung beschränkt. Auch in Wien gab es von August 2024 bis Januar 2025 ähnliche Grabräuberfälle, insbesondere bei Gräbern von Roma und Sinti. Es scheint, als wäre der Diebstahl von Gräbern ein Problem, das in Österreich immer mehr zunimmt. In Thüringen etwa sind Friedhöfe ebenfalls von zunehmenden Diebstählen betroffen. Steffen Hertel, Sprecher der Stadtverwaltung Suhl, berichtet von einer gesunkenen Hemmschwelle für Diebstähle. Hier werden Blumensträuße, Topfpflanzen und sogar Grabsteine entwendet. Das ist ein Trend, der zum Nachdenken anregt.
Diebstähle auf Friedhöfen sind ein sensibles Thema. In Eisenach wird täglich über Diebstähle berichtet, und in Gera werden besonders vor dem Totensonntag Bepflanzungen entwendet. Auch in Jena wird über gestohlene Gießkannen und persönliche Dekorationen geklagt. Die Kommunen versuchen, mit Pfandsystemen den Diebstählen entgegenzuwirken, doch der Erfolg bleibt bescheiden. Es scheint, als könnten selbst die besten Sicherheitsvorkehrungen nicht verhindern, dass die Menschen um den Frieden ihrer Verstorbenen betrogen werden.
Die emotionalen Wunden, die solche Taten hinterlassen, sind tief. Anke Pfannstiel, Sprecherin der Stadtverwaltung Mühlhausen, spricht von der Verletzung von Eigentumsrechten und emotionaler Würde. Die Aufklärungsquote bei Diebstählen auf Friedhöfen ist gering, und oft bleibt den Betroffenen nur, die Polizei zu informieren. Die Trauer um die Verstorbenen wird durch solche Diebstähle nur noch schmerzlicher. In Pottendorf und anderswo bleibt die Hoffnung, dass die Täter gefasst werden und diese schweren Zeiten bald ein Ende haben.